Die Heartland-Theorie

Artikel in gesprochener Form:


In den ersten drei Folgen dieses Podcasts haben wir uns mit den großen wirtschaftlichen Projekten der Großmächte China, Russland und der USA beschäftigt. All diese Projekte sind die außenpolitischen Flaggschiffe jener Nationen. Dass sie gerade diese Projekte als so wichtig eingestuft haben, liegt an einem einfachen geostrategischem Prinzip.

Im Jahre 1904 formulierte Sir Halford John Mackinder mit seiner Schrift „The Geographical Pivot of History“ die sogenannte Heartland-Theorie.

Die Heartland-Theorie unterteilt die Welt in die Weltinsel, welche Asien, Afrika und Europa umfasst, in die küstennahen Inseln, wie z.B. die britischen Inseln und Japan, sowie in die küstenfernen Inseln, namentlich der amerikanische Doppelkontinent und Australien.

Die Weltinsel, der wichtigste Teil des Konstrukts, unterteilt er ebenfalls noch einmal in äußere Bereiche und das Herzland. Das Herzland erstreckt sich dabei von der Wolga bis zum Jangtse und von der Arktis bis zum Himalaya.

Wegen seiner enormen Größe, seiner zentralen Lage und den riesigen Mengen an Ressourcen, wie z.B. Kohle und Gas, ist das Herzland der wichtigste Teil der Erde.

Die Nation, die das Herzland beherrscht, hat auch die Möglichkeit die Weltinsel unter ihre Kontrolle zu bringen und dadurch über fast 75% der Weltbevölkerung zu herrschen.

Da die Inseln, was Ressourcen angeht, von der Weltinsel abhängig sind, würden sie sich ebenfalls der die Weltinsel beherrschenden Macht früher oder später unterwerfen müssen.

Mackinder’s Hauptargument bei dieser Theorie ist, dass bisher einfach nicht die Möglichkeiten bestanden hätten ein so großes Gebiet wie das Herzland oder gar die Weltinsel wirklich zentral zu beherrschen, ohne die Kontrolle über einzelne Teile schnell wieder zu verlieren, manche Gebiete unterentwickelt zurücklassen zu müssen oder den Westen und den Osten im Prinzip getrennt verwalten zu müssen.

Daher hätten früher vor allem Seemächte die Welt beherrscht, da sie den Handel über See kontrollierten und dementsprechend nicht von Zöllen und Grenzen und geographischen Problemen des Transportes über Land behindert wurde.

Mit der Erfindung der Eisenbahn und der Automobile würden sich nun aber mehrere neue Möglichkeiten ergeben.

Zum einen würde tatsächlich eine Erschließung des Herzlandes möglich werden und Russland könnte den Westen und den Osten seines Gebietes verbinden, zum anderen würde mit dem Ausbau der Eisenbahn in Eurasien die gesamte Weltinsel immer unabhängiger vom Seehandel werden und die Herzland-Macht-Russland könnte eine große wirtschaftliche Bedeutung erlangen.

Russland könnte gleichzeitig in Kriegen, Truppen relativ schnell vom Westen nach Osten und umgekehrt transportieren, was dem Staat einen großen Vorteil einbringen würde, gleichzeitig würde es einer westeuropäischen Macht, wie z.B. Deutschland, möglich werden, das Herzland zu erobern.

Bis dahin war das Herzland sehr unempfindlich gegenüber Invasionen. Vom Norden her wurde es von Eis geschützt, vom Süden her vom Himalaya-Gebirge. Feldzüge von Westen nach Osten und umgekehrt mussten bald abgebrochen werden oder eroberte Gebiete brachen auseinander, da nie ein steter Fluss von Material und Männern gewährleistet werden konnte.

Mit Eisenbahn und Automobil würde nun aber eine militärische Kampagne, das Herzland zu erobern, tatsächlich möglich. Mackinder sah hier Osteuropa als natürliches Einfallstor ins Herzland. So lautete sein Merksatz auch:

Wer Osteuropa kontrolliert, kontrolliert das Herzland; 

wer das Herzland kontrolliert, kontrolliert die Weltinsel;

und wer die Weltinsel kontrolliert, kontrolliert die Welt.“

Der natürliche Kampf um eine wirtschaftliche Vormachtstellung zu dieser Zeit wäre also wahrscheinlich der eines Deutschlands, welches Osteuropa kontrollieren will, um das Herzland angreifen zu können, gegen ein Russland, welches Osteuropa als Pufferzone nutzen will und gleichzeitig versucht das Herzland zu erschließen.

Mit der Zeit wurde diese These oft diskutiert und weiterentwickelt, inspirierte aber auch viele Politiker und Strategen und formte Doktrinen und Außenpolitiken.

Einer der Inspirierten war und ist der noch heute gefragte polnische Geostratege Zbigniew Brzezinski, der als nationaler Sicherheitsberater unter Jimmy Carter arbeitete.

In seinem 1997 erschienenen Werk „The Grand Chessboard: American Primacy and it’s Geostrategic Imperatives“ beschreibt er die seiner Meinung nach beste Vorgehensweise, wie die USA im 21. Jahrhundert die einzige Supermacht bleiben und die Welt so verändern können, dass sie auch die Letzte sein werden.

Laut ihm müssten die USA es schaffen aufstrebende Gegenmächte in Eurasien so lange zu unterdrücken, bis ein ganz Eurasien umfassender Sicherheitsapparat ähnlich der NATO aufgebaut würde, in dem die USA die führende Macht wären.

In diesem Apparat würden sich Staatsstrukturen langsam auflösen und Eurasien würde in US-amerikanischer Dominanz aufgehen. Wie bei Mackinder sähen sich auch bei Brzezinski die Nicht-eurasischen Nationen gezwungen, sich der wirtschaftlich, bevölkerungs- und ressourcentechnisch überlegenen Macht anzuschließen, oder sich zumindest zu unterwerfen. Die USA würden die letzte Supermacht sein, indem sie im Prinzip einen US dominierten Weltstaat errichten würden.

Für Brzezinski ist hierbei Russland der Schlüssel. Russland erfüllt zwei Voraussetzungen, die es zum perfekten Land machen, um Eurasien zu vereinen.

Zum ersten Besitzt der was die Fläche angeht größte Staat der Welt ebenfalls einen der größten Bodenschätze der Welt und zum zweiten verbindet er die beiden wirtschaftlichen Zentren Eurasiens – Westeuropa und Ostasien – sowohl geographisch, als auch kulturell.

Wer Russland und damit im Prinzip das Herzland, beherrscht, der hat auch die Möglichkeit Eurasien zu vereinen.

Daher sieht Brzezinski auch in der Aufspaltung Russlands, in drei oder vier leichter beeinflussbare Einzelstaaten, die größte Möglichkeit der USA das Ziel eines geeinten Eurasiens zu erreichen. Er sieht allerdings auch die Gefahr eines neu erstarkten Russlands.

Dieses könnte vor allem eine Gefahr werden, würde es wieder die Ukraine unter seine Kontrolle bekommen. Dadurch würde es Zugang zu Europa bekommen und eine Pufferzone vor einer weiteren Ausdehnung der NATO an die russischen Grenzen schaffen können.

Und genau in diesem Kampf um Eurasien setzen die drei neuen wirtschaftlichen Initiativen der Großmächte an.

Russland versucht mit der Eurasischen Union zum einen das Herzland an sich zu binden und so einen mächtigen Wirtschaftsraum genau in der Mitte Eurasiens unter seiner Kontrolle zu schaffen und gleichzeitig nach Osteuropa vorzustoßen.

China versucht mit der neuen Seidenstraße die ganze Weltinsel unter seiner Vorherrschaft wirtschaftlich zu einen, indem es mit seiner enormen Wirtschaftskraft andere Nationen an sich bindet.

Die USA versuchen mit TTIP und TPP sowohl Russland als auch China gewisse Räume Eurasiens zu verweigern, wie z.B. Europa und Südostasien. Die USA wollen damit auch weiter in die Interessensräume russischer und chinesischer Konkurrenten vordringen.

Geostrategisch geht es bei all diesen Initiativen, Verträgen und Unionen also vor allem um die Vorherrschaft in Eurasien.

Wegen seiner enormen Ressourcen, der großen Wirtschaftskraft und der bloßen Tatsache, dass dort 75% der Weltbevölkerung leben, ist Eurasien der Schlüssel zur Vorherrschaft auf der ganzen Welt.

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