Kategorie-Archiv: Kultur

Interview mit Jan Gregor Putensen

Herr Putensen, wie würden Sie jemandem, der keine Ahnung von Kunst hat, erklären was Sie eigentlich machen?
Ich würde es zunächst nicht großartig erklären, sondern lieber erstmal kurz was zeigen wollen … und schauen, was für ein Dialog dann zustande kommt und dort ansetzen.
Ich habe selbst keine richtige
Erklärung für das, was ich mache – da suche ich noch nach einer Beschreibung, die konkretisiert, aber nicht definiert.

fat_bug
„fat bug“

Sie haben ja 2007 ihren Master of Fine Arts erhalten, was hat sich seitdem in den letzten Jahren bei Ihnen so entwickelt?
Für mich besteht eine Entwicklung der letzten Jahre darin, endlich einige Dinge gemacht zu haben, weil ich sie so wollte und nicht, weil sie primär etwas erfüllen sollen.
Ich kannte es bis dato so, dass viele meiner schöpferischen Aktivitäten immer mit einer Funktion der Entsprechung verknüpft waren: als Prüfungsleistung, als Beweis des Etwas-Gelernt-Habens, als Indikator für Entwicklung, als etwas, das in erster Linie Gefallen bei anderen hervorrufen soll. Das war Normalität für mich, darauf war ich ausgerichtet.

Ab 2010 hatte ich aus diversen Gründen alles kunstnahe Gestalten liegengelassen, bis ein sehr guter Freund von mir, ein Fotograf, mich vor gut 3 Jahren fragte, ob wir nicht mal eine Gemeinschaftsausstellung machen wollen. Ich hatte auch früher nie große Lust etwas auszustellen und aufgrund meiner Inaktivität der jüngsten Jahre war mir noch weniger danach.
Aber dadurch, dass es zum Zeitpunkt seiner Frage ja erstmal nur um die Anmeldung der Veranstaltung ging und noch ein knappes halbes Jahr Zeit war, also
ziemlich weit weg, sagte ich ihm zu. Dann fielen mir aber immer mehr Ideen für Exponate ein, die im Wesentlichen mit der Beschaffenheit des Ausstellungsraumes zusammenhingen. Vielleicht lag es am Zustandekommen des Ausstellungsvorhabens, diesem „Woll‘nwe nich einfach ma…“, was dazu führte, das Ganze frei von inneren und äußeren Beweiszwängen anzugehen. Und so kam es dann, dass ich in der Ausstellung das Gefühl hatte, Sachen zu zeigen, die auf eine ganz andere Art zu 100 Prozent von mir waren bzw. mich zeigten!

Ich habe 2014 und 2015 damit weitergemacht diesen Projektraum zu bespielen und ihn nach meinen Vorstellungen und meinem Empfinden von Zufriedenheit zu gestalten. Und auch dieses Jahr werde ich mich ihm wohl noch einmal zuwenden …
Mittlerweile stelle ich generell schon recht gern aus bzw. zeige etwas, wenn sich der geeignete Rahmen dafür bietet. Und trotz meiner Vorliebe für atelierferne, temporäre Arbeiten habe ich mittlerweile schon einige
handfeste Exponate in meinem Fundus.

"Findebild"
„Findebild“

Wie alt waren Sie, als Sie festgestellt haben, dass Kunst wohl eine zentrale Rolle in Ihrem Leben einnehmen wird?
Das lässt sich so nicht sagen, ein Schlüsselerlebnis gab es jedenfalls nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob sich das, was mich schon immer angezogen zu haben scheint, alleinig mit
Kunst betiteln lässt. Auch hier habe ich noch keine Erklärung gefunden, aber Kunst ist offenbar ein benennbarer Bestandteil dessen.
Familiär bedingt bin ich sehr früh mit Bildern, Büchern und Musik, also
Ausdruck in vielerlei Form, in Berührung gekommen und habe sehr viel gezeichnet und gemalt. Kunst selbst war mir aber immer unzugänglich und studieren wollte ich derartiges auch nie, das war mir alles zu groß und zu verwirrend. Auch heute geht es mir oft so, dass ich mit vielem, was als Kunst ausgegeben wird, wenig anfangen kann – und das nicht etwa, weil es zu modern sei, sondern weil da häufig irgendetwas zu fehlen scheint, um in das jeweilige Kunstwerk richtig einsteigen zu können.
Ich frage mich dann immer, ob es mir da an etwas fehlt.
Oder vielleicht auch dem Kunstwerk.

"Pyromann"
„Pyromann“

Bei Ihrem Werk “der mann, den sie pyro nannten” (siehe Abb.) musste ich sofort an das Gemälde “Le fils de l’homme” von Magritte denken. Würden Sie solche alten Meister auch als ihre Einflüsse bezeichnen?
Naja, Magritte ist zwar kein alter, aber trotzdem ein großer Meister. Es kann schon sein, dass es zumindest bildkompositorische Parallelen zwischen meinem
Pyromann und seinem Apfelmann gibt, aber derlei Bezüge dürften sich bei mir damals unbewusst eingestellt haben. Ich mag Magritte recht gern und zog ihn unter den Surrealisten lange Zeit Salvador Dali vor. Magritte hat so eine stille Art in der Darstellung von Absurdität gegenüber Dalis optischer Lautstärke. Nur die Titel der Magritte’schen Werke sind nicht so mein Fall, weil sie mit den Bildinhalten in einer Art Anti-Beziehung zu stehen scheinen und auf mich ziemlich unterkühlt und pseudokryptisch wirken.
Einer meiner Favoriten von René Magritte ist übrigens „Das Reich der Lichter“ – ein wunderbar leises Spiel mit elementaren Gewohnheiten.
Ich habe vor ein paar Jahren davon mal eine Animation als kleine Hommage gebaut(siehe Video).

 

Es kommt mir so vor, als ob Ihre Werke fast immer eine humoristische Pointe haben, ist das beabsichtigt?
Ja, für mich belebt Humor vieles und ist ein wunderbares Mittel um das Wesen von Dingen herauszuarbeiten. Außerdem kann Humor zu Struktur und Stringenz verhelfen und wiederum Überstrukturierung und Zielfixierung aushebeln.
Humorempfinden zu entwickeln, diesbezüglich spezielle Vorlieben auszuprägen, Gleichgesinnte zu finden, Humor als schöpferisches und kommunikatives Gestaltungsmittel zu verwenden und zu verfeinern – das sind alles keine Selbstläufer und trotzdem nicht vorsätzlich erlernbar. So oder so glaube ich jedoch sagen zu können: „Humor macht Spaß!“

"Herr Drant"
„Herr Drant“

Neben Gemälden umfasst Ihr Gesamtwerk ja auch Installationen.
Was macht für Sie den Reiz an Installationen aus?

Nun ja, die Zeichnungen und Malereien betrachte ich als
Herkunft und auch als eine Art handwerkliche Schule. Installationen waren einer der Gründe, letztlich doch ein bisschen Kunst zu studieren. Installationen verlassen die Fläche und gehen in den Raum, sie haben eine andere Erlebbarkeit, z.B. dahingehend, dass ich mir selbst aussuchen kann, von wo aus ich das Ganze betrachte. Und sie sind ein tolles Spielfeld für gelenktes Assoziieren! Ich mag Installationen sehr, die eine individuelle Aussage mit einer reizvollen Erscheinung verbinden und mit einem Augenzwinkern krönen.
Das ist übrigens nicht nur bei Installationen eine tolle Kombination…

"Schwimmer"
„Schwimmer“


Inwiefern versuchen Sie, in ihrer Kunst mit der Realität zu brechen?
Mit der Realität zu brechen halte ich gar nicht für so erstrebenswert. Unabhängig davon, dass der Realitätsbegriff natürlich äußerst subjektiv besetzt ist, bildet Realität doch die Basis für die Fantasie, finde ich. Alle schöpferischen Aktivitäten, die das Konstrukt „Realität“ etwas aufweichen, in ihm Zwischenwelten finden oder es häufig schlichtweg erträglicher machen, sind letztlich doch immer Bezugnahmen auf etwas Existentes in zahlreichen Daseinszuständen.
Deswegen mag ich besonders das
Ungewohnte im Gewohnten und das Spielen mit Bedeutungen. Was bei meinem Tun dann so herauskommt, nenne ich manchmal organisierte Seltsamkeiten.
Ich glaube, ich mag es mehr die Realität etwas zu biegen als mit ihr zu brechen.

"Ackerfurche"
„Ackerfurche“

Kommen Ihnen Ihre Ideen für ihre Werke ganz spontan oder haben Sie eine bestimmte Arbeitsweise, die Sie nutzen, um Ihrer Kreativität unter die Arme zu greifen?
Manche Ideen klopfen leise an und ich lasse sie dann einfach herein. An anderer Stelle ist es aber auch so, dass nachgedacht, gegrübelt und tüchtig geknobelt werden muss um eine Sache in die Spur zu bringen. Von kreativitätsfördernden Arbeitsweisen, v.a. wenn sie vorsätzlich propagiert werden, halte ich nicht viel. Kreativität sehe ich als intrapersonelles Potential, das in erster Linie durch Umstände und Umfelder begünstigt wird und nicht durch starre Methodik. Die Formung von Ideen ist dabei ähnlich wie die Entwicklung von Gedanken nicht nur ein komplizierter Entstehungsprozess, sondern auch eine permanente Selbstbefragung … naja, und manchmal eben auch eine Diskussion.

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Inwiefern arbeiten Sie mit modernen Gestaltungsmitteln, wie z.B. Photoshop oder Adobe Illustrator?
Durch meine Berufsausbildung zum Grafik- und Multimediadesigner setze ich solche Programme vorrangig zu Dokumentationszwecken ein. Videoschnitt, Bildbearbeitung, Layouting sind wichtig, damit besonders temporäre Exponate nicht komplett verschwinden. Außerdem lassen sich Kunstwerke im digitalen Raum gut inszenieren, sodass man nicht immer das Original gesehen haben muss.

"Im Fluss"
„Im Fluss“

 

Woran arbeiten Sie aktuell?
An nichts Konkretem eigentlich, auch wenn die nächste Pfingstausstellung langsam nach Inhalten ruft – mal gucken, was passiert. Wie gesagt, es geht mir nicht primär ums Kunstmachen, sondern um etwas, wofür ich ja noch keine Erklärung gefunden habe. Und woran genau ich arbeite, weiß ich manchmal erst dann, wenn es fertig zu sein scheint.

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Vielen Dank!
Bidde 🙂

 

That’s what I am – Kritik

Ich bin vor ein paar Tagen ganz zufällig auf den Film „That’s what I am“ gestoßen. Netflix hat ihn mir vorgeschlagen. Laut Beschreibung ging es um zwei Schüler, ungefähr 13 Jahre alt, der eine zumindest mittelmäßig beliebt und der andere das unterste Glied der Hackordnung, die durch ein Schulprojekt gezwungen sind, zusammen an einer Hausarbeit zu arbeiten. Als ich das gelesen habe dachte ich zuerst, dass es sich hier um eine schlechte und billige Verfilmung von abgetretenen Klischees und Stereotypen handelt aber da mir Netflix vorausgesagt hat, dass ich diesen Film wohl sehr gut finden würde und ich normalerweise keine derartigen Filme schaue, habe ich mich dazu entschlossen „That’s what I am“ eine Chance zu geben.

Die erste Überraschung kam bereits vor der ersten Szene, denn besagter Film wurde produziert von den WWE Studios. Genau, WWE wie in World Wrestling Entertainment. Auf das schlimmste gefasst lasse ich nun also die ersten Szenen über mich ergehen und stelle fest, dass TWIA auf den ersten Blick sehr schön aussieht und handwerklich durchaus solide ist. Vielleicht war ich am Anfang auch leicht zu beeindrucken, denn davor habe ich in den Film „Expelled“ reingeschaut, der von Kritikern als einer der schlechtesten Filme des Jahres bezeichnet wurde und außer der Steigerung der Popularität und der Ausnutzung der jungen und unerfahrenen Fans des Vine-/YouTube-Stars Cameron Dallas, keinen weiteren Nutzen für den Konsumenten hat, noch nicht einmal was die Befriedigung von ästhetischen Grundbedürfnissen angeht. Um aber wieder auf den Film zurück zu kommen um den es hier eigentlich geht, muss ich sagen, dass es auch nach den ersten Szenen durchweg ein Genuss war, der Geschichte des zumindest mittelmäßig beliebten Andy Nichols und des Außenseiters Stanley zu folgen. Storytechnisch sollte man nicht zu viel erwarten, es wurde sich zwar wohl durchaus Mühe gegeben, der Geschichte die ein oder andere unerwartete Wendung zu geben aber einen Preis für innovatives Storytelling wird „That’s what I am“ wohl auch inzwischen 4 Jahre nach seiner Premiere nicht mehr erhalten. Immerhin musste auch irgendwie der, wenn ich richtig recherchiert habe, inzwischen pensionierte Wrestling Star Randy Orton in der Story untergebracht werden.

Um zu meinem Fazit zu kommen, wer Lust auf einen Film hat, der schön anzusehen ist, keine großen Experimente wagt und dem Zuschauer die ein oder andere motivierende Lebensweisheit mit auf den Weg gibt, der macht mit „That’s what I am“ keine Fehler.

Urteil:

„Solide Filmkunst für jung und alt.“

That’s what I am auf imdb.

Go set a watchman

Die Frage um die sich in den letzten Tagen und Wochen alles dreht, ist die Frage nach dem geistigen Zustand der Literaturnobelpreisträgerin Harper Lee.

Die Meldung, dass sie im Sommer diesen Jahres ein weiteres Werk veröffentlichen wird – ihr einziges veröffentlichtes Werk ist bis jetzt “To kill a mockinbird” – führte mancherorts zu verwunderten Gesichtern. Harper Lee hat in den vergangenen Jahren nahezu jede Möglichkeit genutzt um zu erklären, dass sie keine weitere Veröffentlichung während ihrer Lebzeit wünscht. Ein gutes Buch habe sie geschrieben und das genüge auch, so wimmelte sie bisher Fragen zu weiteren Veröffentlichungen ab.

Nun ist mit “Go set a watchman” aber plötzlich ein Werk auf dem literarischen Radar aufgetaucht, dass den Bruch dieser Linie bedeuten könnte.

Besagtes Werk stammt aus den 1950er Jahren und ist damit kein, im eigentlichen Sinn – “neues” Werk. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es im Laufe der Jahre in die Versenkung verschwunden und vor kurzem rein zufällig entdeckt worden. Dass sich Harper Lee nun dazu entschieden hat mit ihrer Linie zu brechen und dieses Werk zu veröffentlichen sehen viele als Ergebniss geschickter Manipulation einer alten debilen Dame. Argumente dafür, dass sie geistig nicht mehr zurechnungsfähig ist bleiben dabei aus. Es erscheint bloß ein wenig seltsam, dass sie nun doch ein weiteres Werk veröffentlichen will. Es erscheint seltsam, aber mehr auch nicht. Menschen können ihre Meinung ändern und es wäre durchaus verständlich, wenn sich Harper Lee ein paar Jahre vor ihrem Tod noch einmal dazu entschließt den Prozess der Veröffentlichung zusammen mit all den Presseterminen, Lesungen und vielleicht auch positiven Rückmeldungen zu durchleben. Vielleicht ist Frau Lee einfach bewusst, dass ihre Zeit knapp wird. Sterben müssen wir alle und wir alle sollten uns bemühen, jeden Funken Leben aufzunehmen, auch wenn es nur die Veröffentlichung eines Romans ist.

 

Interview mit Stefan Schwarz

In diesem Politruf-Interview spricht Stefan Schwarz über sein neues Werk „Die Grußrussin“, Porno-Karaoke und die Natur des Lachens.

Ihr aktuelles Werk wurde inspiriert von einer russischen Maskenbildnerin. Was hat sie so fasziniert an dieser Person?

Sie spielen auf die Geschichte mit der russischen Maskenbildnerin an, der die Handtasche aus dem Auto geklaut worden war, und die vor meinen Augen eine Telefonnummer anrief, worauf eine Stunde später jemand die Handtasche vorbeibrachte. Das war tatsächlich sehr inspirierend. Das organisierte Verbrechen ist eben auch nicht immer so organisiert wie wir alle denken. Die können sich auch mal vertun. Die bringen auch mal was durcheinander und erschießen den Falschen. Um mich mal – ausnahmsweise – selbst zu zitieren: „Menschen, die bereit sind, andere Leute umzubringen, (sind) nicht unbedingt auch die Menschen, die dazu in der Lage sind. Möglicherweise zieht auch das viele Geld Leute an, deren bis dato geringes Einkommen, nun ja, auch ein Stück weit berechtigt war.“ „Die Großrussin“ ist gegen diesen Mythos der alles durchdringenden, alles beherrschenden organisierten Kriminalität geschrieben.

Wie lange hat es gedauert, von der Begegnung mit dieser Person, bis zu dem fertige Roman?

Eigentlich waren es ja zwei Begegnungen, die das Buch inspiriert haben. Die andere war eine Party, bei der ich und eine wirklich außergewöhnliche große Russin zum – Kindern jetzt mal bitte die Augen zuhalten! – Porno-Karaoke ausgelost wurden. (Anders als beim richtigen Karaoke wird ein stummer Porno-Film, möglichst aus den Siebziger oder Achtzigern, also da, wo es noch richtige Handlungen gab, abgespielt und man muss mit zwei Mikros bewaffnet, das der Beiwohnung vorhergehende Gespräch improvisieren. Ist sehr lustig, aber Sie müssen das Richtige getrunken haben!) Da saßen wir beieinander und ich dachte, dass es wenig Geschriebenes über die erotische Anziehungskraft zwischen kleinen Männern und großen Frauen gibt. Kleine Männer und große Frauen haben viele Probleme gemeinsam, aber sie finden viel zu selten zusammen. Das war so 2010. Gute Themen müssen ein bisschen liegen, um Geschmack anzunehmen.

Sie haben mal gesagt, 90% von dem was wir sagen, sei nur zur Selbsttherapie. Was meinen sie damit?

Auch auf die Gefahr, wieder nicht ganz verstanden zu werden: Jedes Wort zupft unser Nervenkostüm zurecht. Mit Grund: Ihre persönlichen Stimmungen waren ja ursprünglich Signale. Alles, was Sie sagen, sollte eigentlich für Sie verwendet werden. Sprechen ist eine Selbstinszenierung, leider mit wechselndem Publikum. Das ist das Problem: Was bei Mutti herrlich funktionierte, macht Sie anderen Menschen vermutlich rätselhaft bis unangenehm.

Wenn sie einen Abend mit Allen Bennet verbringen dürften, worüber würden sie sich unterhalten wollen?

Ach, über so Zeug. Wie es so läuft und so. Was das da sein soll auf dem Kaminsims. Oder über angemessene Rhythmen des Nasenhaarschneidens. Kurz: Ich bin gerne unvorbereitet. Sonst erlebt man ja nichts.

Wie kamen sie zum Beruf des Schriftstellers?

Mir ist Geld angeboten worden. Gott sei Dank. So kam ich nicht in die Versuchung, was Ambitioniertes zu schreiben. Etwas, was ich der Welt schon immer sagen wollte, und so. Ich mag Schreiben als Auftrag. Zum Glück darf ich lustige Sachen schreiben. Humor ist eine sehr authentische, nämlich unwillkürliche Sache. Sie funktioniert ein bisschen wie Niespulver. Lachen ist ja nicht fakultativ. Lachen muss man. Wenn Sie jemals hundert Leuten was vorgelesen haben und schon drei Sätze vorher wussten, dass die gleich in Stücke springen vor Lachen, dann brauchen Sie alle sittliche Reife, die Sie aufbieten können, um sich nicht für einen gottverdammten Magier zu halten.

Was macht für sie die Essenz des Berufs des Schriftstellers aus, die sie dazu bringt immer wieder weiter zuschreiben?

Schriftsteller ist der einzige Beruf, in dem man Mittagsschlaf halten kann.

Wenn sie jetzt einem jungen Schüler begegnen würden, der Schriftsteller werden will, welchen Rat würden sie ihm mit auf den Weg geben?

Ich würde sagen: Junger Mann! Wenn Sie nicht die Eier haben, drei, vier Monate lang – und da liegen Sie noch gut in der Zeit – leere Blätter oder kleinkindhaft banale Sätze anzustarren, dann werden Sie lieber Testpilot. Aber auch, wenn es läuft, sind Sie in Gefahr. Man lernt sich beim Schreiben nämlich besser kennen, als man eigentlich möchte. Man beginnt, sich öde, peinlich oder neurotisch zu finden. Alles keine schöne Sachen. Hinzu kommt: Man wird etwas ungeduldig mit realen Abläufen. „Er hatte sich einen köstlichen Lammbraten zubereitet“ ist relativ schnell geschrieben, aber für einen echten Lammbraten brauchen Sie dann noch erheblich mehr Zeit und Geschick. Außerdem ist Schreiben sehr unkörperlich. Die meisten Schriftsteller sind gegen ihren Willen erotoman, weil sie den ganzen Tag den Hintern nicht bewegen dürfen. Überhaupt: Wenn Sie schreiben wollen, um berühmt zu werden und an die Weiber ranzukommen, bedenken Sie, dass Ruhm selten über Nacht kommt. Sie selbst und die Frauen, an die Sie ranzukommen dachten, sind dann meistens schon etwas älter. Das kann seine Reize haben, aber man sollte es vorher wissen.


 

Titelbild: Weinberg im Ort Russin in der Schweiz ©Richard Allaway

Die Erinnerung verblast – East Side Gallery marode

Gut 25 Jahre nach dem Mauerfall ist das größte zusammenhängende Stück der ehemaligen Berliner Mauer in bedenklichem Zustand. Löcher und abgeplatzte Farbe sind inzwischen viel zu oft zu beaobachten. Nicht mehr lange und der Rest der Mauer wird von alleine zusammenfallen. Zumindest wenn man sich die Horror Visionen mancher anhört. Aber völlig aus den Wolken gegriffen sind diese Behauptungen nicht.

Mark Ahsmann
©Mark Ahsmann

Die letzte Umfangreiche Sanierung der Mauer liegt über 5 Jahre zurück und inzwischen gab es viele kalte Winter und nasse Sommer.

Gibt es denn keinen jährlichen Etat für die Instandhaltung?

Tatsächlich nicht. Die Frage nach der  Finanzierung einer Sanierung wird derzeit bei Bedarf jedes mal neu gestellt. Natürlich sind die 250.000€, die eine Sanierung kostet keine große Anstrengung für den Bund, aber das Geld kommt nun einmal erst, wenn Bedarf besteht, also wenn die Mauer wieder auseinander fällt.

Berlin_Wall_Trabant_grafitti

Entsprechende Pläne kamen auch bereits von Rüdiger Kruse und Johannes Kahrs, zwei Bundestagsabgeordneten. Viel hat sich daraus aber bis jetzt noch nicht ergeben.

Wo liegt das Problem?

Eine längerfristige Finanzierung der Instandhaltung der East Side Gallery würde die Aufnahme in die „Stiftung Berliner Mauer“ bedeuten, die sich um dir Instandhaltung der übrigen Teile der alten Mauer kümmert. Das würde jedoch die Aufteilung der Kosten auf Bund und Berlin bedeuten. Derzeit werden sämtliche Kosten für die Instandhaltung vom Bund übernommen. Im Mai könnte jedoch die East Side Gallery ind die Stiftung aufgenommen werden, womit Finanzierungssorgen der Vergangenheit angehören würden.

©Freepenguin
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